In der Dämmerung trägt der Gärtner des feudalen Hotels "Nacional" in Havanna die Volièren mit den Singvögeln aus dem Park ins Haus. Das Hotel ist ein Relikt der Dreißigerjahre, als hier die Filmstars verkehrten. Heute sitzen hier reiche Kanadier und die wohlhabenden Europäer, blicken aufs Meer und nehmen einen letzten Daiquiri vor dem Abendessen - diesen Drink, zu dem man Rum, Limonen und Zucker braucht, Zutaten, die hier in der Karibik reichlich vorhanden sind.
Mit dem Zuckerrohr fing eigentlich die ganze Geschichte der Inseln an. Zuckerrohr gedeiht in diesen Breitengraden vorzüglich. Für eine Tonne Zucker sind zehn Tonnen Zuckerrohr nötig. Um es anzubauen, zu ernten und zu bearbeiten, braucht man viele Menschen - also holte man schwarze Sklaven aus Haiti und trieb sie mit der Peitsche zur Arbeit an. Die weißen Herren aus Spanien waren unerbittlich - sie bauten sogar hohe Türme in ihren Plantagen, um die Arbeiter besser überwachen zu können.
Einer, der Iznaga-Turm in der Nähe von Trinidad, steht heute unter Denkmalschutz und kann besichtigt werden. Seine Glocke liegt am Boden und dient den Kindern der Souvenirverkäufer als Spielplatz. Hinter dem prachtvollen kolonialistischen Gutshaus wird auf einer alten Zuckerrohrmühle auf Wunsch gezeigt, wie einst das Zuckerrohr in Handarbeit gepreßt wurde, bis der trübe Saft herausquoll. Die Familiengeschichte und die der Plantage ist in einem kleinen Museum dokumentiert. 1888 war der blutige Sklavenaufstand, die weißen Herren wurden vertrieben.
Danach kam aber auch die Zuckerproduktion für einige Jahrzehnte zum Erliegen, bis man erkannte, dass in dem fruchtbaren Boden dieser Insel ihr Hauptpotential steckt; heute ist Kuba wieder der größte Zuckerlieferant der Welt. 1996 wurden vier Millionen Tonnen Zucker produziert. Doch Privatbesitz gibt es nach wie vor nicht - die Plantagen mit Zuckerrohr oder Ananas, Tabak oder Gemüse und auch die riesigen Rinderfarmen gehören dem Staat. Es ist für uns schwer zu verstehen, warum es auf Kuba überhaupt Armut gibt, wo doch der Boden fruchtbar und das Klima ideal ist. Rum aber, das edelste Produkt aus Zuckerrohr, den gibt es allüberall in den verschiedensten Sorten, Farben und Qualitäten zu kaufen - am besten ist der trockenste, wenn er ein paar Jahre alt ist - dann kostet er statt vier Dollar an die 25.
Die Altstadt der elf-Millionen-Metropole Havanna ist erfüllt von buntem quirligem Leben. Vor der meist geschlossenen, Kathedrale mit ihrer reich verzierten kolonialen Fassade ist Flohmarkt mit Souvenirständen, an denen Klöppelarbeiten, bemalte Rumbakugeln aus der Guira-Frucht, Kitschpostkarten und Holzgeschnitztes feilgeboten werden. Über dem ganzen Platz dröhnt ohrenbetäubend die Musik der Karibik und wischt die morbide Melancholie hinweg, die einen zuweilen befallen will.
Wenn man sucht, findet man vielleicht in einem Winkel gutes Kunsthandwerk, das man mit nachhause nehmen kann. In der Gasse hinüber zur "Bodequita del Medio", der Bar, wo Ernest Hemingway tagtäglich gesessen haben soll und unzählige Mojitos trank, bevor er wieder weiterschreiben konnte, drängen sich Einheimische und Touristen gleichermaßen. Die meisten finden keinen Platz an der Theke und schon gar nicht im dahinterliegenden Edel-Restaurant. Aber sie können wenigstens einen Blick auf die hohen, eng bekritzelten Wände und die vielen Fotos der Großen und Berühmten der letzten fünfzig Jahre werfen, die hier verkehrten.
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